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Gesetz | Praxis | Wirkung
Zwischen Reform und gesellschaftlicher Realität
Digitalisierung der Sozialverwaltung | Teil 1

Digitalisierung der Sozialverwaltung I:
Digitalisierung - was ist das?



Jan Ahlrichs

Digitalisierung wird vielfach als neues Phänomen gesehen, das erst mit der Popularisierung des Internets Mitte der 90er Jahre oder mit der Einführung des Smartphones gute zehn Jahre später begonnen haben soll. Programmierbare Digitalrechenmaschinen gibt es allerdings schon seit den 50ger Jahren des letzten Jahrhunderts1. Was wir gegenwärtig wahrnehmen ist das exponentielles Wachstum der Maschinen und ihrer Einsatzmöglichkeiten, aber nicht unbedingt ein genuin neues Phänomen. Viele der Ideen und Visionen der damaligen Nerds erreichen nun die Verwirklichungsphase.

Meine ersten Begegnungen mit den Möglichkeiten dieser Maschinen waren eher negativ besetzt. Die Rasterfahndung des BKA im Rahmen des RAF-Terrors sowie die Volkszählungswünsche der Bundesrepublik in der Übergangszeit von der sozialliberalen zur Kohlära deuteten die massiven Überwachungsmöglichkeiten an. Dagegen waren die Visionen aus dem Silicon Valley, die in der Nachfolge der 60ger Jahre-Bewegung dort entstanden waren und die eine Befreiung von der totalitär wirkenden Bevormundung der Großrechenmaschinen durch Personal Computer versprachen, in der BRD damals noch weitgehend unbekannt. Die PC haben dann auch bei mir ein Umdenken auf Grund der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten in Gang gesetzt. Die Volte zur Cloud vor einigen Jahren, ist – wie auch die monopolartigen Serverstrukturen der Kalifornier wie Google et.al. selbst – eine Wiedereinführung der zentralen Rechenmaschine quasi durch die Hintertür. Auf einem neuen Niveau selbstverständlich (Big Data).

Wie dem auch sei, die Durchdringung aller Arbeits- und Lebensbereiche mit Informations- und Kommunikationstechnik und umfassende Vernetzung dieser Technik verändert auch das Arbeiten in den öffentlichen Verwaltungen. Darauf wollen wir auf unserem Fachkongress und in Vorbereitung darauf in diesem Blog einen Blick werfen. Um diesen überaus komplexen und mit vielen anderen Faktoren interdependenten Prozess einigermaßen fassen zu können, macht es Sinn, verschiedene Einsatzfelder zu identifizieren.

Heuristik für die Sozialverwaltung

Grundsätzlich kann man idealtypisch zwischen den Selbstbeschäftigungsprozessen der Verwaltung und denen unterscheiden, die sie mit ihren Stakeholdern hat. Zu den Stakeholdern zähle ich erstens die „Kunden“ der Verwaltung, in der Arbeits- und Sozialverwaltung in der Regel die leistungsberechtigten Bürger*innen. Damit gehören auch alle EDV-Fachverfahren, die zur Bearbeitung der Bürgeranliegen genutzt werden, hierzu. Diese Zuordnung besitzt den Charme, das Augenmerk bei der Konzeption dieser Fachverfahren zumindest auch auf die Kundensicht abzustimmen. Zweitens gehören die externen Auftragnehmer der Verwaltung dazu – z.B. Träger, die im Auftrag der Arbeitsverwaltung Integrationsleistungen erbringen. Drittens andere Interessengruppen wie interessierte Bürger*innen, die in Kontakt mit der Sozialverwaltung treten.

Verwaltungsintern ist ein wesentlicher Bereich der Digitalisierung das Wissensmanagement (WM). WM ist vielleicht das Werkzeug zur Steuerung und Organisation der Arbeitsprozesse, welches am stärksten von der Digitalisierung profitiert. Server, Glasfaser und Prozessoren bieten optimale Angebote für fast alle Bestandteile des WM (siehe dazu dann später im Blog). Darüber hinaus führt die Digitalisierung zu Rückkopplungsprozessen zwischen zentraler Führung und dezentraler Leistungserbringung, die einerseits neuen Höhen der Überwachungsmöglichkeiten wie andererseits größere individuelle Freiräume ermöglichen. Drittens sehe ich die rechtskreisübergreifende Kooperationen, die sich durch die Digitalisierung in Richtung flüssigere Grenzen und anderen Formen der Zusammenarbeit bewegen könnten.

Lesen Sie Teil 2 "Kunden-Prozesse" | Veröffentlichung am 27.02.2018

Weiterführendes Material


Prof. Manfred Broy, Gründungspräsident des Zentrum Digitalisierung.Bayern spricht auf dem Open Government Tag 2016 über die Digitalisierung und ihrer Auswirkung auf Behörden. Zuerst eine grundlegende Einführung, ab Minute 29/30 dann direkt zur öffentlichen Verwaltung



Interview mit Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes und Gerd Schürmann, stellv. Leiter des Fraunhofer FOKUS.



In Estonia, there is a waste amount of e-services. You can do pretty much everything online. In this inspiring talk Margus narrates the story of an initially peasant country to the leader in e-government. How they managed to succeed and why we should claim the same level of services in our own country?



Test




1 https://de.wikipedia.org/wiki/TRADIC; 1960 liefen dann in den USA bereits 3.500 Computer die damals zwischen 60.000 und 13 Mio. US-Dollar kosteten. 1968 war die Zahl auf 50.000 angestiegen, die Kosten aber noch nicht wirklich gesunken. (Zahlen und Daten aus „Maschinendämmerung – eine kurze Geschichte der Kybernetik“ Thomas Rid, Berlin 2016).

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