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Gesetz | Praxis | Wirkung
Zwischen Reform und gesellschaftlicher Realität
Digitalisierung der Sozialverwaltung | Teil 3

Digitalisierung der Sozialverwaltung III: Automatisierung höherwertiger Prozesse



Wie bereits angedeutet, können nicht nur Auskunfts- und Informationsprozesse automatisiert werden, sondern dies wird auch für höherwertige Beratungs- und Leistungsgewährungsprozesse möglich sein.So könnten mit entsprechend gesicherten Apps der Leistungsgewährungsprozess sehr weitgehend automatisiert werden. Das Versenden von Dokumenten und deren Einbindung in eine E-Akte wird ist bereits Realität. Es wird wahrscheinlich auch nicht mehr lange dauern, bis die Maschinen die Dokumente selbst verschlagworten und selbständig Daten wie BG-Nummer lesen, kopieren und anlegen können (bzw. unter einer bestehenden Nummer ablegen). In Verbindung mit dem E-Personalausweis ist somit eine vollständige Automatisierung vorstellbar5. Aber ist das auch sinnvoll?

Es muss eine Gesamtstrategie vorhanden sein, die grundsätzlich das Verhältnis der Verwaltung zu ihren Bürger*innen reflektiert – und zwar in Zusammenarbeit der Entwickler, Aufraggeber, Nutzer wie Stakeholder. Dabei wird die Sozialverwaltung im Detail andere Antworten finden müssen als z.B. das Finanzamt. Diese Strategie muss die Ziele der Stakeholder-Prozesse sowie die Rolle und Aufgaben der darin involvierten Akteure definieren. Die Chancen und Risiken der digitalen Instrumente sind dabei von Anfang mitzudenken. Dieser Strategieentwicklungsprozess wird nur iterativ und über einen längeren Zeitraum laufen, es wird Rückschläge, Fehlannahmen und auch Fehlinvestitionen geben. Aber dieses Vorgehen ist notwendig, wenn der Gefahr einer rein technologiegetriebenen Digitalisierung aus dem Weg gegangen werden soll. Und deren Folgen mag ich mir nicht ausdenken.

Big Data: selbst lernende Algorithmen im Einsatz

Eine weitere Möglichkeit der digitalen IuK-Techniken weist schon auf Steuerungs- und Führungsfragen hin. Unter dem Schlagwort Big Data wird die Auswertung großer Datenmengen durch (selbstlernende) Algorithmen verstanden. Nun liegen in den Arbeits- und Sozialverwaltungen Datenmengen zu Einzelpersonen und Familien vor, die für diese Form der Datenauswertung eine hervorragende Grundlage bieten. Die Chancen für die Nutzung adäquater Algorithmen liegen z.B. Entwicklung passgenauer Unterstützungsangebote für sehr differenziert definierte Gruppen und Leistungsbeziehenden oder auch in dem Auffinden von Betrugsfällen. Der grimmige Teil des Januskopfes zeigt dagegen die erschreckende Vision des gläsernen Bürgers.

Zumal einer der Megatrends in der Sozialgesetzgebung (Stichworte sind hier u.a. Hilfeplanung, Assessment) die Sammlung intimster und persönlicher Kundendaten immer weiter vorantreibt. Angesichts der Datenmengen in den einzelnen Strängen der Sozialverwaltung kann man fast schon dankbar sein, wenn die einzelnen Rechtskreise Kooperation aus Datenschutzgründen ablehnen. Andererseits war und ist dies auch immer ein bequemes Argument, Verschiebebahnhöfe zwischen den Akteuren zu legitimieren. Wir kommen später auf das Thema zurück. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass es unbestritten im Sinne der Leistungsberechtigten wie auch der Steuerzahlenden sein kann, wenn die Sozialrechtskreise intensiv zusammenarbeiten würden. Unterstützungsleistungen können so schneller, passgenauer und ressourcenschonender angeboten werden.

Abschließend sei noch auf die Prozesse verwiesen, die zwischen der Verwaltung und Interessens- und Professionsgruppen sowie interessierte Einzelpersonen stattfinden. Diese sind gerade im Sozialbereich nicht selten. Da gibt es Beiräte, politische Parteien, Selbsthilfegruppen, Journalisten usw. usf.. Auch diese haben berechtigte Interessen an Informationen. An welchen Stellen darüber hinaus ggf. ein Mitspracherecht für welche Elemente des Veraltungshandelns gegeben sein kann, ist in Zukunft auszuloten. Neben offenen Daten kann die Digitalisierung ja auch bei der Gestaltung eines Sozialraumes oder Quartieres ebenso beitragen wie bei der Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Viele Diskussions-, Planungs- und Entscheidungsprozesse können mit Hilfe der digitalen Techniken neu aufgesetzt werden. Dafür die Voraussetzungen zu schaffen, ist aber sinnvollerweise im besten Fall auf Grundlage einer gesamtkommunalen Strategie zu leisten.

Lesen Sie Teil 4 "Wissen und Steuerung" | Veröffentlichung am 13.03.2018

Weiterführendes Material


5 Die im Auftrag des Bundesinnenministeriums kostenfrei zur Verfügung gestellte Software AusweisApp2 wurde kontinuierlich hinsichtlich einer einfachen und intuitiven Nutzerführung verbessert und weiterentwickelt. Nun können auf vielen mobilen Endgeräten die digitalen Funktionen des Ausweises relativ einfach genutzt werden. Allerdings haben die Bürger*innen in Deutschland im Schnitt nur 1,7 Behördenkontakte im Jahr, sodass eine breite Verbreitung des digitalen Ausweises erst dann zu erwarten ist, wenn auch andere Verwendungsmöglichkeiten dafür zur Verfügung stehen werden (z.B. allgemeine Bezahlfunktion etc.).

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